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12. Politlunch Thun: Was bleibt 10 Jahre nach der Finanzkrise?

«Das Finanzenwesen ist im freien Flug»

 

«Der Finanzsektor wird immer mehr von der Realwirtschaft abgekoppelt. Die Finanzmärkte sind manipuliert», betonte Mark Chesney am Politlunch von EVP, EDU und CVP im Restaurant Rathaus. Hintergrund dieser brisanten Momentaufnahme: das 10-Jahre-Gedenken der Bankenkrise.

 

Bericht von: Thomas Feuz | Jaberg | 079 411 00 10 | 031 781 27 00 | thom.feuz@STOP-SPAM.bluewin.ch 

 

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Professor Marc Chesney
Entschieden gegen die «Finanzcasinowirtschaft»: Professor Marc Chesney von der Uni Zürich am Politlunch von EVP, EDU und CVP im Velschensaal
Fotos: Thomas Feuz
Fotos: Thomas Feuz
Gemeinsam für mehr Verantwortung im Alltag
Gemeinsam für mehr Verantwortung im Alltag (von links): Jonas Baumann-Fuchs (EVP), Alois Studerus (CVP), Susanne Gygax (EVP), Vreni Schneiter (EDU), Konrad Hädener (CVP), Manfred Locher (EDU)
 

Er sei Professor und habe einen theoretischen Blickwinkel. Und er hoffe, dass seine theoretischen Befürchtungen angesichts der aktuellen Situation im Finanzsektor nicht in Erfüllung gehen würden. Mit solchen ungewohnt klaren Aussagen hatte Professor Marc Chesney das 60-köpfige Publikum auf seiner Seite. Denn: «Der Flug LB 2008 war nur der Anfang eines langen Prozesses. Zehn Jahre später ist ein weiterer Crash möglich.» 

Kurs voraus ins schwarze Loch

«Viele hielten die Vernichtung von 1200 Milliarden Dollar als unvorhersehbar. Ich bin davon nicht überzeugt», schaute Chesney auf die dramatischen Vorgänge bei der Investmentbank Lehmann Brothers im Jahr 2008 zurück. Der Mathematiker und Doktor der Wirtschaftswissenschafter kommentierte verschiedene Erkenntnisse der finanzpolitischen «Black Box» und beleuchtete diese aus heutiger Erkenntnis. «Der Bank Lehman Brothers wurden hervorragende Ergebnisse und ‹best in class› attestiert. Noch kurz vor dem Crash galt LB als Nummer 1 im Risikomanagement. Alles schien perfekt.» Dass die Bank ihren Namen kurz vor dem Bankrott noch mit Nachhaltigkeit und Verantwortung in Zusammenhang brachte, sei bedenklich.

 

Obwohl der Referent den Vergleich nicht zog, fühlte man sich ans «Titanic»-Drama von 1912 erinnert. In Ignoranz aller Gefahren und in blindem Vertrauen auf Technik und eigene Fähigkeiten wurde der verhängnisvolle Kurs fortgesetzt. 

«Die Party geht weiter»

Und heute? «Die Schulden der Grossbanken sind nach wie vor überproportional, der Nominalwert ihrer derivaten Produkte gigantisch», bilanzierte Marc Chesney. Das gelte auch für die Entlöhnung des Managements. Wobei: «Wenn es gut läuft, kann das gerechtfertigt sein.» Faule Kredite würden in vielen Fällen das 50-fache der Bilanzsumme und das 1000-fache des Eigenkapitals der entsprechenden Institute betragen. «Die Analysten hatten damals versagt und tun es heute wieder», zog Chesney nüchtern Bilanz. Die Party der Finanzoligarchie gehe weiter. Weil es darum gehe, den bestmöglichen Gewinn herauszuholen, würden immer mehr rote Linien übertreten. Viele wüssten zwar um die Gefahren, würden aber das System am Laufen halten – nicht selten auch aus Eigennutz.

«Schattenbanksektor» und CDS

Ein grosses Risiko sieht Chesney im Schattenbanksektor. «Dieser ist besonders undurchsichtig und besitzt eine beunruhigende Macht», hielt Chesney fest. Als prominentestes Beispiel nannte er «Black Rock» in New York. Das Institut verwalte mehr als 6000 Milliarden Dollar und gelte als «too big to fail», habe aber keine Lizenz – «weil es diese nicht braucht…»

 

Ein weiteres Phänomen sind CDS (Credit-Default-Swaps), also eine Art Kreditausfallsversicherung. Dieses Finanzprodukt werde oft zu einer Art «Wette» auf den Ausfall bzw. Bankrott des Kreditnehmers umfunktioniert. Das Verhängnisvolle: «Für diese ‹Casinowirtschaft› übernimmt niemand Verantwortung. Für allfällige Verluste müssten die Steuerzahler aufkommen.» 

Wertekatalog ist entscheidend

«Die Gewinne sind enorm, aber auch die Verluste», bilanzierte Chesney. Wo das Motto «Gewinnoptimierung um jeden Preis» gelte, könne «das ganze Gebäude jeden Moment zusammenbrechen.» Entscheidend sei hier, auf welcher Grundlage die Betroffenen agieren würden: «Der persönliche Wertekatalog ist entscheidend.»

 

Der Bankrott von Lehman Brother stehe für das Fiasko eines Finanzcasinosystem, in welchem Gewinn vor Verantwortung gestellt werde. Auch 2019 gelte: «Wir sind in einer Sackgasse.» Als mögliche Lösungen präsentierte der Wissenschaftler die Zertifizierung von Finanzprodukten, die Regulierung des Schattenbanksektors, ein Bonus/Malus-System oder eine Mikrosteuer auf elektronische Zahlungen. Diesem Thema werde sich eine neue Volksinitiative widmen, liess sich Chesney in die Karten blicken. Trotz aller Präventionsbemühungen bleibe ein Grundsatz unumstösslich: «Man muss wissen, was man nie machen darf.»

Foliensatz des Vortrages

Der Foliensatz darf frei „gedownloadet" werden gemäss Absprache mit dem Referenten.